Rache an Ersatzfamilie

Andreas E.: Die Psycho-Akte des Fünffach-Mörders

Andreas E. richtete mit der 9-mm-Pistole seines Bruders das Blutbad von Kitzbühel an.

"Es gibt 6 Tote. Auch mein Sohn ist gestorben.“ Das sagte die Mutter des mutmaßlichen Fünffachmörders von Kitzbühel gestern vor Reportern. Der schwere Schock und die heillose Verzweiflung stehen der Frau ins Gesicht geschrieben. Und mit ihr fragt sich alle Welt: Woher kam die blinde Wut auf die Familie H., die zur Gänze ausgelöscht wurde?

Verdächtiger schilderte Tat "klar und strukturiert"

Die Tat dürfte sehr schnell abgelaufen sein, erklärte LKA-Leiter Walter Pupp am Tag danach. Am Tatort, dem Einfamilienhaus in Kitzbühel, konnten kaum Kampfspuren sichergestellt werden. Auch Andreas E. wurde am Montag einvernommen. Der Beschuldigte schilderte die Ereignisse „klar und strukturiert“ – von Reue wurde nichts erwähnt. Über ihn wurde am Montag offiziell die Untersuchungshaft verhängt.

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Wiederholen

Wut und Tränen – das 
Protokoll der Blut-Nacht

Tresor. Auslöser des blu­tigen Dramas war, dass der fast beschränkt ruhige, aber aufbrausende Andreas E. am Vorabend seine große Liebe Nadine H. († 19) getroffen hatte. Sie hatte sich vor zwei Monaten von ihm getrennt und schon einen neuen Freund, den lässigen Eishockey-Crack Florian J. († 24), mit dem sie in der Bar The Londoner unterwegs war. Laut Augenzeugen kam es dort zum Streit, Nadine machte ihrem Ex klar, dass es vorbei ist – Andreas lief hinaus, habe vor der Tür geweint.

Was auch immer dann mit ihm geschah. War es die übermächtige Konkurrenz und Erniedrigung zugleich, die bei ihm alle ­Sicherungen durchbrennen ließ? Zumal er mitbekam, dass sie den Sportler mit heimnehmen würde.

Um 4 Uhr in der Früh läutete Andreas jedenfalls Nadine H.s Vater aus dem Bett. Der schickte ihn weg. Daraufhin kam er wieder – mit der Pistole seines Bruders, die in einem Safe eingeschlossen war. Doch Andreas kannte die Tresorkombination, schnappte sich die 9-mm-Pistole und fuhr mit seinem schwarzen Chevrolet-SUV wieder zur Ex.

Balkon. Wie ein Rächer in einem blutrünstigen Manga tötete der Schlosser zuerst Nadine H.s Vater Rupert († 59), dann ging er ins Zimmer ihres Bruders Kevin († 25) und brachte ihn um – danach ihre Mutter († 51). Schließlich wollte er in die Einliegerwohnung zu Nadine H. und Florian J. Sie hatte in Todesangst die Tür versperrt. Doch Andreas kletterte auf den ­Balkon, schlug die Scheibe zu ­ihrem Zimmer ein – und erschoss das Liebespaar.

© APA; GEPA; privat Die Opfer: Nadine H. (19) und ihr neuer Freund Florian J. (24)

© privat Auch ihr Bruder Kevin (25) und Mutter Andrea (51) mussten sterben

Verdächtiger immer im Schatten seines Bruders

Auf die Frage, warum er die ganze Familie auslöschte, verweigert der Verdächtige laut Polizei bis dato die Antwort.

ÖSTERREICH hörte sich im Umfeld um. „Der Andi“ stand wohl immer im Schatten seines Bruders (der Akademiker, Biologe, Zoologe ist zurzeit Dolmetscher in Japan). Er selbst schaffte nur das Polytechnikum, arbeitete als Maurer bei HV Bau, war nicht wirklich ein Gewinner – auch für seine Familie.

Dafür fand er in den H.s eine Ersatz­familie. Sie hatten ihn wie einen Schwiegersohn aufgenommen – und das, obwohl Nadine, als sie sich kennenlernten, erst 14 Jahre alt war. Er wohnte bei ihnen. Bis vor zwei Monaten, als die mittlerweile 19-Jährige (liebes-)flügge geworden war und ihren dominanten Freund vor die Tür setzte. Damit verlor er nicht nur seine große Liebe, sondern fühlte sich auch von ihrer Familie verstoßen, die natürlich zu ihrer Tochter hielt. Das konnte Andreas E. nicht akzeptieren – und griff zur Waffe.

Psychologen verwundert nur, warum er sich nach dem Blutbad nicht selbst richtete.

© ZOOM.Tirol In diesem Haus geschah das Blutbad.

Krisenintervention mit Riesenteam vor Ort

Nach dem Fünffachmord herrscht im noblen Skiort Schockstarre: Die Krisenintervention betreut mit einem zwanzigköpfigen Team Hinterbliebene und Trauernde. Am Rathaus hängt die schwarze Fahne. Bürgermeister Klaus Winkler: „Jeder kannte mindestens eines der Opfer.“ Für den Amokläufer gilt die Unschuldsvermutung.

"Ein Heißsporn, der in Sekunden auf 180 ist"

Als Mann mit zwei Gesichtern wird Andreas E. aber auch von anderen beschrieben: ein in sich gekehrter, schüchterner Typ, der aber in Sekunden auf 180 sein konnte und sich kaum noch beruhigen ließ. Interesse hatte er nur an PS-starken Autos und seiner Freundin sowie deren Familie, die ihn offenbar besser behandelte als die eigene, deren zweiter Sohn (ein studiertes Multitalent) immer wichtiger war als er, der Poly-Absolvent und Maurer. Auf Facebook präsentierte er sich als „Redneck“ und Jugendreferent der FPÖ in Kitzbühel – nach der Bluttat wurde er jetzt als einfaches ­Parteimitglied ausgeschlossen.

(kor, kuc, mko)

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