Sebastian Kurz: ''Wende kommt erst mit Impfstoff''

"Österreich"-Interview

Sebastian Kurz: ''Wende kommt erst mit Impfstoff''

Im "Österreich"-Interview rechnet der Bundeskanzler mit weiteren harten Corona-Monaten. "Wir könnten bald 6.000 neue Fälle am Tag haben", so Kurz. 

ÖSTERREICH: Es ist ein ganz spezieller Nationalfeiertag im Zeichen der Pandemie. Was bedeutet das für Österreich?

Sebastian Kurz: Es ist ein ganz besonderer Nationalfeiertag, bei dem wir auf vieles verzichten müssen, das sonst diesen Tag aus­gezeichnet hatte, wie etwa die Leistungsschau des Militärs, der Tag der offenen Tür in den Ministerien oder das Zusammenkommen mit vielen Menschen. All das kann diesmal nicht stattfinden. Aber ich hoffe, dass alle Österreicher am Nationalfeiertag inne halten und sich klar werden, dass unserer Land noch viel härtere Zeiten gemeistert und überwunden hat. Wir werden die nächsten Monate noch sehr viel Kraft brauchen. Es war immer klar, dass der Wendepunkt erst mit dem Impfstoff kommen wird. Bis dahin müssen wir lernen, klug mit dem Virus zu leben.

ÖSTERREICH: Wie werden Sie den heurigen Nationalfeiertag verbringen?

Kurz: Ich werde die Sitzung des Ministerrats leiten, einen Kranz für die verstorbenen Widerstandskämpfer am Burgtor niederlegen und danach mit meinem Team unsere Arbeit fortsetzen, ganz speziell auch, um die Folgen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt durch die Pandemie abzufedern.

ÖSTERREICH: „Mit dem Virus leben lernen.“ Darunter scheint jeder was anderes – von laissez faire bis sehr harten Restriktionen – zu verstehen. Was meinen Sie?

Kurz: Dass wir unser Sozialverhalten so anpassen, dass wir unsere intensivmedizinischen Kapazitäten nicht überschreiten. Wir haben einen massiven Anstieg an Neuinfektionen, und es betrifft auch jeden jungen Menschen, wenn er einen Unfall hätte und dann kein Intensivbett mehr frei wäre. Verglichen mit anderen Ländern läuft die Situation hier ja noch besser …

ÖSTERREICH: Die Situation in Österreich verschlechtert sich seit Wochen, in manchen EU-Staaten verschlechtert sie sich noch schneller, oder?

Kurz: Das ist richtig. Andere Staaten haben in Europa bereits auf Lockdowns und Ausgangssperren setzen müssen. Wir versuchen ­derzeit einen Mittelweg zu gehen.

ÖSTERREICH: Viele Leute schauen auf die heutige Spitalsauslastung und sagen: Da sind ja noch Tausende Betten frei, das ist doch alles kein Problem …

Kurz: Das stimmt nur, wenn man das Hier und Heute betrachtet. Das Problem ist der starke Anstieg und was das in der Entwicklung bedeutet. Die Verdoppelungszeiten lagen bei drei Wochen und haben sich jetzt auf ­maximal zwei Wochen verkürzt. Wir haben jetzt 3.000, wohl schon bald 6.000, dann würde die Lage in Spitälern ganz anders ausschauen.

ÖSTERREICH: Die Regierung hat am Montag eine Verordnung angekündigt, die am Freitag in Kraft treten sollte – die aber verspätet kam und erst seit Sonntag gilt. Sollte man nicht zuerst Verordnungen fertig haben und sie dann ankündigen?

Kurz: Viele der Inhalte sind vor allem für Großveranstalter relevant. Für die breite Masse der Menschen ist derzeit wichtig zu wissen, dass man neben Abstand halten und Maske tragen sich in geschlossenen Räumen nur noch mit sechs, im Freien mit zwölf Personen treffen darf.

ÖSTERREICH: Viele Eltern, Lehrer und auch Kinder sind wegen des Chaos an Schulen besorgt. Verstehen Sie das?

Kurz: Natürlich wäre es am einfachsten, den Unterricht ganz normal laufen zu lassen oder alle Schulen wieder zu schließen. Wir wollen aber versuchen, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten, das bedeutet, dass man schnell reagieren muss, Kinder und Lehrer im Verdachtsfall testen und auch isolieren muss. Ich weiß, dass die derzeitige Situation eine enorme Herausforderung für Lehrer, Eltern und Schüler bedeutet.

ÖSTERREICH: Faßmann und Köstinger wollen, dass sich sogenannte K1-Personen nach fünf Tagen Quarantäne freitesten lassen können. Wollen Sie das auch?

Kurz: Das wird gerade geprüft und ich warte jetzt auf einen entsprechenden Vorschlag des Gesundheitsministeriums. Wir sollten bald eine Rückmeldung haben.

ÖSTERREICH: In Tirol stehen Hunderte eng an eng vor Skiliften und Gondeln. Verstehen Sie, dass Leute sagen, wieso soll ich dann auf dies und das verzichten, wenn das dort möglich ist?

Kurz: Es sollte und darf auch dort nicht möglich sein. So ein Verhalten muss rigoros kontrolliert und ­bestraft werden. Nur, weil dort etwas passiert ist, was nicht hätte passieren dürfen, heißt das aber nicht, dass jetzt gar keine Regeln mehr gelten. Nur, weil einer mit 200 km/h über die Autobahn fährt, sollte das trotzdem nicht künftig erlaubt sein.

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Kurz: Jeder zusätzliche Kontakt erhöht das Risiko einer Ansteckung. Ein Lockdown würde gar keine Kontakte ermöglichen. Wenn wir alles laufen lassen würden, würden wir den Zusammenbruch unserer Intensiv­kapazitäten provozieren. Je mehr sich das Coronavirus ausbreitet, desto stärker werden die Einschränkungen sein müssen.

ÖSTERREICH: Der Gesundheitsminister rechnete Mitte September damit, dass sich die Neuinfektionen auf 650 einpendeln würden, dann mit Anstieg auf 1.500. Hat die Regierung nicht ein Problem, wenn sie immer wieder von falschen Prognosen ausgeht?

Kurz: Nein, es gibt sehr unterschiedliche Expertenmeinungen. Ich habe immer auf jene Experten gehört, die von einer weit schlechteren Entwicklung ausgegangen sind. Und die haben leider wieder einmal recht behalten. Ich hatte auch immer wieder vor dieser Entwicklung gewarnt und auf Verschärfungen gedrängt.

Isabelle Daniel

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