Erster Tourismus-Unternehmer fordert Lockdown

Lockdown light im November

Erster Tourismus-Unternehmer fordert Lockdown

Der erste Hotelier spricht sich für einen zeitlich begrenzten Lockdown aus.

Hotel-Unternehmer Christian Harisch im Interview
 
ÖSTERREICH: Herr Dr. Harisch, wie fällt Ihre bisherige Corona-Bilanz aus?
 
Christian Harisch: Unterschiedlich. In Kitzbühel hat im Sommer natürlich der Seminar- und Golftourismus sehr gelitten, aber im Restaurantbereich waren wir nicht unzufrieden. Wir haben noch keine Endabrechnung, aber insgesamt lagen wir teilweise bei plus/minus null, teilweise bei minus zehn Prozent. Alles in allem besser als befürchtet. Wenn die Pandemie jetzt vorbei wäre, wären wir alle mit ­einem dunkelblauen Auge davongekommen. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Hurricane erst richtig beginnt.
 
ÖSTERREICH: Was bedeutet das für das Wintergeschäft?
 
Harisch: Die Reisewarnungen haben die Situation dramatisch verschärft. Im Oktober haben wir alle unsere Hotels in Kitzbühel zugesperrt. Im Best Case rechne ich für den Winter mit einem Minus von 20 bis 25 Prozent. Die sind in jedem Fall mit dem Entfall der Weihnachtsfeiern, der Hahnenkamm-Veranstaltungen etc. weg. Aber diese Prognose ist nur realistisch, wenn wir bis Dezember die Reisewarnung wegbekommen. Wir fahren sehenden Auges mit 180 km/h auf eine Wand zu. Es wäre nicht schlecht, die Geschwindigkeit zu reduzieren.
 
ÖSTERREICH: Wie?
 
Harisch: Ich bin für einen zeitlich befristeten bundesweiten Lockdown light im November.
 
ÖSTERREICH: Wie könnte der aussehen?
 
Harisch: Mein Vorschlag wäre, Handel, Industrie, Gewerbe und öffentliche Infrastruktur offen zu halten, dafür aber ein komplettes Veranstaltungsverbot zu erlassen. Keine Restaurants, keine Bars, keine Thermen, keine privaten Feiern, keine Hochzeiten, keine Messen. Und das, sagen wir, drei Wochen lang. Damit könnte Österreich einerseits ein Signal an die Märkte, an das Ausland senden und seine Reputation stärken, andererseits wieder das Bewusstsein schärfen. Den Menschen wieder die Ernsthaftigkeit der Lage vor Augen führen. Denn wir dürfen uns nichts schönreden. Die Infektionszahlen steigen beängstigend und die Maßnahmen greifen nicht. Da brauchen wir harte Maßnahmen, um die Reisewarnung bis Dezember wegzubekommen. Das wäre dringend nötig, denn bisher konnten sich deutsche Besucher freitesten. Wenn jetzt noch die Fünf-Tage-Zwangsquarantäne käme, würde gar keiner mehr kommen – auch nicht nach Wien. Der Wegfall des deutschen Wintertourismus wäre für Österreichs Wirtschaft eine Katastrophe.
 
ÖSTERREICH: Wie beurteilen Sie generell die Corona-Politik von Österreichs Regierung?
 
Harisch: An sich war sie sehr gut. Nur im Sommer hat sich das Virus der Nachlässigkeit eingeschlichen.
 
ÖSTERREICH: Sie sind international tätig. Wie ist die Situation in den anderen Ländern?
 
Harisch: In Großbritannien herrscht Chaos pur. Ich habe aufgegeben zu verstehen, was Boris Johnson will. In Deutschland ist man drauf und dran, die Akzeptanz der Maßnahmen zu verspielen. Die internen Reisewarnungen bringen uns zur Verzweiflung. Darunter leidet auch ­unser Hotel am Tegernsee in Waakirchen. Es gibt ja derzeit die absurde Situation, dass ein Frankfurter, der einen Termin in Hamburg hat, nicht weiß, ob er dort übernachten darf. Die Pandemie offenbart schon die Schattenseiten des Föderalismus.
 
ÖSTERREICH: Wie steht Ihr Lanserhof-Projekt auf Sylt?
 
Harisch: Sehr gut. Natürlich kostet uns die Pandemie Zeit. Wir erleben die paradoxe Situation, dass Corona einen Bauboom ausgelöst hat und es hier schwieriger geworden ist, Arbeitskräfte zu bekommen. Aber wir werden im Sommer 2021 eröffnen können. Ich bin ja grundsätzlich nach wie vor optimistisch, auch für den Tourismus in Österreich. Wenn wir den Winter überstehen, werden wir gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Die Pandemie hat das Bewusstsein für einen gesunden Körper und die Schönheit unserer Landschaft geschärft. Ich bin überzeugt: Österreichs Tourismus wird stärker denn je.
 
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